Schnell und beständig: Wie Innovation in großen Unternehmen gelingt
Warum fürchten große Unternehmen oft genau die Innovationen, die sie voranbringen könnten? Joao Campos greift das Beispiel Kodak auf und erklärt, wie sich eine belastbare Innovationskultur aufbauen lässt – indem Experimentieren gefördert, Investitionsentscheidungen beschleunigt und neue Ideen als Schlüssel für einen langfristigen Erfolg verstanden werden.
Veröffentlicht am 17.10.2022
Wir schreiben das Jahr 2001, und Apple war vor allem als Hersteller teurer Computer bekannt. Im Oktober jenes Jahres begannen sich die Wahrnehmung und die Realität des Unternehmens grundlegend zu ändern. Am 23. Oktober 2001 kündigte Apple die Veröffentlichung eines bahnbrechenden MP3-Players namens iPod an, der 1000 Lieder speichern konnte. Es gab damals zwar andere Wettbewerber, die MP3-Player herstellten, aber nichts Vergleichbares!
Dies war der Wendepunkt für Apple. Heute lassen sich viele Innovationen und sogar ganze Branchen auf diesen Tag zurückführen. Der iPod führte zur Entstehung von Podcasts, revolutionierte das Musikstreaming-Geschäft und legte, was vielleicht am wichtigsten ist, den Grundstein für die Markteinführung des iPhones rund sechs Jahre später. Wenn man darüber nachdenkt, hat ein Unternehmen von der Größe Apples innerhalb eines Jahrzehnts gleich drei ikonische Produktinnovationen herausgebracht: den iPod, das iPhone und das iPad.
Während viele gerne glauben, sie seien wie Apple, sieht die fundamentale Wahrheit so aus, dass es die meisten Unternehmen nicht sind. Ihnen fehlt die visionäre Führung eines Steve Jobs, der Markenwert von Apple oder das nötige Kapital für Investitionen in Forschung und Entwicklung. Dennoch können wir viel von Apples Herangehensweise an Innovationen in Unternehmen lernen.
Das eigene Geschäftsmodell neu erfinden
Eine der größten Herausforderungen für große, erfolgreiche Unternehmen ist die Angst davor, sich selbst das Geschäft streitig zu machen, so wie es Apple in gewissem Maße getan hat: Das iPhone konnte als Ersatz für den PC angesehen werden, der zu diesem Zeitpunkt die Haupteinnahmequelle des Unternehmens war. Es gibt berüchtigte Beispiele von Unternehmen, die buchstäblich genau jene Innovationen erfunden haben, die sie am Ende aus dem Markt drängten. Genau deshalb sind Großkonzerne meist nicht besonders gut darin, innovativ zu sein: Sie haben zu viel Angst davor, mit sich selbst in Wettbewerb zu treten.
Vor einigen Jahrzehnten war Kodak der größte Name auf dem Markt für Fotografie. Irgendwann entwickelten Mitarbeiter:innen eine gut gemeinte, bahnbrechende Innovation, die es ermöglichte, Fotos zu machen, ohne Filmrollen verwenden zu müssen. Die Vorstellung, mit einer Kamera auf den Markt zu gehen, die keinen Film benötigte, war aus Sicht der Führungsebene von Kodak eine schlechte Idee. Warum sollte ein Unternehmen ein Produkt verkaufen, das den Bedarf für das eigene Flaggschiff-Produkt und die primäre Einnahmequelle eliminierte?
Was Kodak auf die harte Tour lernen musste, war, dass die Menschen Filmrollen nicht kauften, weil sie es unbedingt wollten, sondern weil sie schlichtweg keine andere Wahl hatten, um ihre Urlaubsmomente zu fotografieren und Erinnerungen festzuhalten. In dem Moment, als eine bessere, bequemere Lösung verfügbar wurde, war Kodak dem Untergang geweiht.
Warum ist Innovation also für große Unternehmen so entscheidend? Ganz einfach: Wenn man sich nicht selbst neu erfindet, wird es jemand anderes tun! Der beste Weg, das eigene Geschäft zu schützen, besteht nicht darin, Innovation als Bedrohung für das aktuelle Geschäftsmodell zu sehen, sondern als eine Investition, die das Überleben des Unternehmens in der Zukunft sichert.
Eine Kultur der Innovation aufbauen
In beiden Fällen lag die Herausforderung nicht in der mangelnden Fähigkeit des Unternehmens, innovativ zu sein. Sowohl Apple als auch Kodak waren durchaus in der Lage, innovative Produkte zu liefern. In den meisten Situationen ist das größte Hindernis für Innovationen jedoch die Unternehmenskultur selbst.
Visionäre Führungspersönlichkeiten wie Steve Jobs machen es offensichtlich einfacher, aber sie sind keine zwingende Voraussetzung. Die Unternehmensleitung kann zumindest Offenheit gegenüber den Ideen der Mitarbeiter:innen zeigen und Innovationen im Unternehmen fördern.
Unternehmen müssen verstehen, dass es einen klaren Unterschied gibt, ob man eine Idee hat oder ob man in der Lage ist, diese umzusetzen. Während die Konzeption und die Fähigkeit zur Umsetzung von Ideen letztlich über den Erfolg entscheiden, sollte Innovation unabhängig vom Ergebnis anerkannt und belohnt werden.
Ein Unternehmen, in dem jede:r Mitarbeiter:in motiviert wird, Ideen zu verwirklichen, ist ein Unternehmen, das viel eher in der Lage ist, innovativ zu sein und sich selbst neu zu erfinden.

Innovation im Unternehmen fest verankern
Wie können Unternehmen also vermeiden, zu einer „Kodak-Tragödie“ zu werden und stattdessen zu einer Erfolgsgeschichte wie Apple werden? Neben der Förderung einer Innovationskultur müssen Unternehmen Strategien und Verfahren definieren, die sicherstellen, dass Ideen und Arbeitsergebnisse die richtigen Entscheidungsebenen erreichen.
Es gibt verschiedene Wege, Innovationen in großen Unternehmen zu fördern. Während einige als eher organisch betrachtet werden können, werden andere als zielgerichteter wahrgenommen. In jedem Fall bleibt das Ziel dasselbe: die Dienstleistungen oder das Produktportfolio des Unternehmens zu verbessern, zu verändern oder einen Mehrwert zu schaffen.
- 1. Hier sind einige Beispiele dafür, wie Innovation in einem großen Unternehmen gefördert werden kann:
A) Ermöglichen Sie es den Mitarbeiter:innen, einen Teil ihrer Arbeitszeit für Projekte aufzuwenden, die nicht direkt mit ihrem eigentlichen Aufgabengebiet zusammenhängen. Dies funktioniert besonders gut in Softwareunternehmen. Die Mitarbeiter:innen können eigene Ideen verfolgen oder mit Kolleg:innen an innovativen Konzepten zusammenarbeiten.
B) Intrapreneurship- und Corporate-Venture-Programme schaffen einen fest etablierten Prozess, um Mitarbeiterideen zu ermöglichen, zu fördern und in sie zu investieren. Im Vergleich zum ersten Punkt ist dies ein strukturierterer und gezielterer Ansatz, der sich jedoch manchmal weniger organisch oder aufgezwungen anfühlen kann.
C) Fusionen, Übernahmen und Venture Capital sind weitere Wege für Konzerne, innovativ zu bleiben. Dies gilt oft als der am wenigsten attraktive Weg, um eine interne Innovationskultur im Unternehmen aufzubauen. Wenn man Innovation jedoch als Werkzeug betrachtet, um das eigene Geschäft neu zu erfinde, ist es manchmal die einzige Möglichkeit, den Anschluss nicht zu verlieren und dem Markt einen Schritt voraus zu sein.

Idealerweise sollten Unternehmen Strategien für alle drei Ansätze verfolgen. Unabhängig davon, für welchen Mix man sich entscheidet oder in welchen man investieren kann, die größte Herausforderung besteht darin, zu wissen, was zu tun ist, wenn man eine gute Idee erkennt, um diese in eine vielversprechende Geschäftschance zu verwandeln.
Schnell scheitern, langfristig investieren
Eine weitere Herausforderung für große Unternehmen ist die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen getroffen werden. Mit zunehmender Unternehmensgröße wird die Entscheidungsfindung bürokratischer. Es gibt mehr Genehmigungsebenen, und es wird immer schwieriger, die jeweils zuständigen Entscheidungsträger:innen überhaupt zu erreichen.
In großen Unternehmen erfordert Innovation die Übernahme von Entscheidungsprozessen, wie man sie aus Start-ups kennt. Andernfalls besteht die Gefahr, dass Gelegenheiten ungenutzt verstreichen, sei es, weil Mitarbeiter:innen ihre Ideen aufgeben, das Unternehmen verlassen, um sie auf eigene Faust umzusetzen, oder weil die Konkurrenz schneller ist. Aus diesem Grund müssen Investitionsentscheidungen zügig getroffen werden.
Dabei haben Konzerne einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil gegenüber Start-ups: Sie verfügen über das nötige Kapital. Ein profitables Unternehmen mit einer Milliarde Umsatz kann es sich problemlos leisten, jährlich 5 Millionen in die Finanzierung innovativer Ideen zu stecken. Bei solchen Investitionen sollten Großunternehmen zudem darauf eingestellt sein, vielversprechende Ansätze über mehrere Jahre hinweg zu finanzieren, bevor diese tatsächlich Gewinne abwerfen.
Die Bereitschaft zu langfristigen Investitionen sollte zudem mit einer genauen Überprüfung der Fortschritte und einer kontinuierlichen Bewertung der Realisierbarkeit einhergehen. Während manche Ideen auf dem Papier großartig aussehen, ist es nicht ungewöhnlich, dass man erst während der Umsetzung erkennt, dass eine Idee nicht funktioniert oder schlichtweg zu teuer wird. Unternehmen müssen darauf vorbereitet sein, Verluste zu begrenzen, sobald sie merken, dass ein Vorhaben nicht aufgeht – hier gilt es, die „Sunk Cost Fallacy“ (den Trugschluss der versunkenen Kosten) zu vermeiden. Ebenso wie Investitionsentscheidungen sollten auch Entscheidungen über den Abbruch eines Projekts schnell und objektiv getroffen werden.
Die wichtigsten Erkenntnisse
Innovation ist ein entscheidender Weg für Unternehmen, um ihre Zukunftsfähigkeit zu sichern. Großkonzerne tun sich oft schwer damit, innovativ zu sein, da es an Programmen zur Innovationsförderung mangelt und eine Kultur fehlt, die Mitarbeiter:innen aktiv dazu ermutigt, ihre Ideen einzubringen. In manchen Fällen wird Innovation in großen Unternehmen sogar eher als Bedrohung für das bestehende Geschäft wahrgenommen, anstatt als Chance, das langfristige Überleben zu sichern.
Um diese Falle zu vermeiden, sollten Großunternehmen eine Innovationskultur fördern, indem sie Eigeninitiative anerkennen und belohnen sowie formale Programme schaffen, um das innovative Potenzial der gesamten Belegschaft gezielt auszuschöpfen.“
Wenn es an der Zeit ist, Entscheidungen über innovative Investitionen zu treffen, müssen Großunternehmen ihre alten Arbeitsweisen ablegen und agil sowie dynamisch agieren. Investitionsentscheidungen müssen schnell getroffen, solide finanziert und mit der nötigen Geduld verfolgt werden, um Ergebnisse abzuwarten. Sobald sich jedoch Anzeichen mehren, dass eine Idee nicht tragfähig ist, sollte man konsequent deinvestieren und die Verluste begrenzen.
Nicht alle Innovationen werden am Ende das Licht der Welt erblicken, aber für Großkonzerne könnte genau eine davon in der Zukunft zur Haupteinnahmequelle werden. Genau deshalb ist Innovation so wichtig!
